„… aber die Willensfreiheit existiert nicht.“

Da macht man seinen Erholungsurlaub im schönen Italien, das zum Unglück nun in der Hand der Faschisten sich befindet und muss dann so etwas erleben!

So oder so ähnlich lassen sich aus Sicht des deutschen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann – ohne einmal die Hand des literaturwissenschaftlichen Interpreten anzulegen – die Handlungsfäden von Mario und der Zauberer mit einem vielleicht unangemessenen Augenzwinkern auf den Punkt zu bringen. Die Stadthalle Balingen präsentierte, in Zusammenarbeit mit der Bühne Cipolla, die in Kooperation mit dem Metropol Ensemble und der bremer shakespeare company diesen Abend gestaltet, am Mittwochabend eine hochkarätige Produktion der Novelle nach Thomas Mann in einer Fassung für Figurentheater. Doch der Begriff Figurentheater ist hier umfangreicher zu nehmen. Das Abendprogramm machte das deutlich: Schauspiel, Puppentheater, Maskenstück, Livemusik. Was wäre dem hinzuzufügen.

Purismus ist das Gebot der Stunde bei der Produktion von und mit Sebastian Kautz und Gero John, die auf der Bühne aktiv sind. Purismus heißt hier, damit kein Missverständnis aufkommt, nicht ärmlich, sondern zurückgenommen. Die Bühne besteht aus nicht viel als ein Paar Requisiten, aber mit solchen Künstlern braucht Niemand mehr. Wie sagte doch Wieland Wagner einst über Neubayreuth, wozu brauche er eine Tanne, wenn er die Varnay habe.

Mario & der Zauberer ist schon als Novelle ein schwerer Brocken. Doch kann das als Performanz überhaupt gehen? Ja, das tut es und sogar mit großem Unterhaltungswert. Man lacht und weint da als Publikum mit den Figuren auf der Bühne gemeinsam. Und wenn man Pech hat… ja, dann findet man sich noch auf der Bühne von Cipolla, dem „Zauberkünstler“ wieder oder darf im Parket mit farbigen Ballons spielen. Ein großer „coup de théâtre“, wenn bedacht wird, dass siebzig Minuten Aufmerksamkeit ohne Pause auch für ein begeisterungsfähiges Publikum in der heutigen Zeit lang sind. Nicht jeder liebt es, wie Thomas Mann oder der Verfasser dieser Zeilen, fünf Stunden Richard Wagner mit gerade einmal zwei Pausen á 20 Minuten zu erleben.

Sebastian Kautz, dessen Vita sich wie die eines Vollblutkünstlers liest, begann den Abend vorsichtig – wohl absichtlich – und steigerte sein Spiel in fast allen Rollen des Abends ins Übermenschliche. Vor allem seine Interpretation von Cipolla berührte. So eine Figur liebt man und hasst man zugleich. Was ihm hoch anzurechnen ist, ist der Umstand, dass er es auch vollbrachte die nicht immer leicht erträglichen Satzmonstren von Thomas Mann – wer ihn liebt verzeiht im die – mit Leben zu erfüllen.

An seiner Seite sein musikalischer Abendpartner Gero John am Violoncello. Hier hörte man einen Profi, der tatsächlich in allen Stilen zu Hause ist, wenn man sich auch wünschen würde ihn einmal mit Trois strophes sur le nom de Paul Sacher von Henri Dutilleux zu hören. Wünschen, dass darf man… Ganz nebenbei übrigens hat John auch noch in einigen Rollen des Abends mitgetan, aber das nur am Rande.

Deutlich wird bei einem Abend wie diesem, der sich doch mehr Publikum verdient gehabt hätte, dass Kunst oft nicht viel braucht um zu beglücken. Das Stück ist nicht einfach und vielleicht auch für manche Besucherin und manchen Besucher nicht leicht auszuhalten – es geht immerhin um den Raub von Willensfreiheit -, aber wer dabei war wird diesen Zeilen recht geben: hier waren zwei Künstler mit einem wundervollen Werk der Weltliteratur am Werk um einen beglückenden Vorweihnachtsabend zu zaubern.

 

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