Raritäten und andere Sünden I: Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“

(c) Mag. Simon Haasis

Ich gebe zu: eine meiner neuen Reihen für diesen Blog mit Erich Wolfgang Korngolds Oper Die tote Stadt zu beginnen mag befremden. Handelt es sich doch um ein beliebtes Stück Musik, das nicht nur die oft so begeistert gehörten und innig geliebten „schönen Stellen“ enthält, wie das Duett „Glück, das mir verblieb“ oder das Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“, sondern, das auch nach langer, durch die maßlose Dummheit kulturpolitischer Entscheidungen jener zwölf absolut verschwendeten Jahre der europäischen Geschichte von 1933 bis 1945 verursachter Zeit [1] heute wieder selbstverständlich geworden ist.

Dennoch bleibt Erich Wolfgang Korngolds Œuvre im Schatten seiner Zeitgenossen stehen, vielleicht weil er, ehrlich gesagt, trotz seiner Eigenschaften als musikalischer Frühentwickler, sicher auch bedingt durch den Einfluss seines Vaters Julius Korngold, der in Wien ein führender Musikkritiker war und dessen Kritiken bis heute als Zeitdokumente lesbar sind, da aus ihnen Reize sprechen, die man heute als Kritiker nicht mehr ausstrahlen darf, zu den Zu-spät-Gekommenen zählt. Selten würde ich mich dem eigentlich verzerrenden Prädikat „spätromantisch“ so gerne anschließen wie bei ihm. Bezogen auf die Oper strahlt er, nicht trotz festhalten an der Dur-moll-Harmonik, den Entdeckergeist eines Richard Strauss aus und sieht im Wagnis der „Emanzipation der Dissonanz“ keine Herausforderung, wiewohl es falsch wäre ihm gänzlich zu unterstellen nicht mit den musikalischen Topoi und geistigen Spielen seiner Zeitgenossen zu arbeiten.

Am Beginn der Oper Die tote Stadt steht eine akzeptierbare Notlüge, denn beim Librettisten Paul Schott handelt es sich um niemand anderen als Julius und Erich Wolfgang Korngold. Wie so oft ist die Grundlage ein Werk der Literatur: der Roman Bruges-la-Morte von Georges Rodenbach, er wird nicht zu unrecht gerne mit Joris-Karl Huysmans und dessen Roman À rebours in einem Satz genannt, ist nicht nur ein symbolistisches Werk, sondern auch Ästhetizismus in Reinform. Er erschien als Fortsetzungsroman mit Photographien Brügges und widmet sich augenfällig und sehr gefällig der Sublimation von Leben und Kunst. Die Korngolds greifen diese Sicht auf und geben ihr noch eine andere Botschaft mit: verliere Dich nicht in eine tote Welt!

Was für mich diese Oper so beeindruckend macht, ist der Aspekt ihrer Vieldeutigkeit, ihres Spiels mit Traum und Realität, die sich auch in die Tiefenschichten der Partitur bemerkbar macht. Ganz ohne Zweifel bildet das Schlusstableau den spannungsvollste Augenblick der Oper, in welchem Paul (Tenor) endgültig in der Realität angekommen ist und von seinem Freund Frank gefragt wird, ob er nicht mit ihm Brügge verlassen möchte. Das bedeutet für Frank auch den unumkehrbaren Abschied von der Obsession zu seiner verstorbenen Frau. Noch einmal kehrt die Melodie des berühmten Duetts dieser Oper wieder und je nach Regie-Konzept geschieht was geschehen muss. Eigentlich geht Paul mit Frank, aber selbst da bleibt offen wie es weitergeht! Selbst die eigentlich sehr „klassische“ Inszenierung von Götz Friedrich mit James King und Karan Amstrong hält eine Überraschung bereit. Man sehe und staune:

Vielleicht ist es gerade aufgrund dieser Schlussszene sogar sinnvoll bei Korngolds Oper Die tote Stadt von einer Rarität dahingehend zu sprechen, da sie vom Publikum erst noch zu entdecken ist. Hier lässt sich nämlich beobachten, wie verschiedenartig auch heute aktive Heldentenöre, diese technisch höchst fordernde Stelle meistern. Ich erlaube mir auf Torsten Kerl, Daniel Kirch und Klaus-Florian Vogt hinzuweisen. Da soll man noch vermeinen, dass es heute keine Vielgestaltigkeit in der Interpretation gebe:

Wer Die tote Stadt sich noch nicht zu eigen gemacht hat, die oder der sei dringend dazu eingeladen. Wer diese Oper kennt, sollte sich einmal mit den anderen Opernkompositionen von Erich Wolfgang Korngold auseinandersetzen, vor allem vielleicht mit Das Wunder der Heliane, die gerade wieder in Berlin gezeigt wird und über die ich an dieser Stelle demnächst auch einige Worte schreiben möchte. Den ganz Mutigen unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sei zur Konzertmusik von Korngold geraten. Sein Violinkonzert, böse gesagt eine Resteverwertung seiner Filmmusikkompositonen, darf zu den großen Leistungen seiner Zeit gerechnet werden über die man seine Symphonie in Fis-Dur (die ist aber nur etwas für die ganz Tapferen unter Ihnen) oder sein Cellokonzert aber nicht vergessen sollte.

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[1] Betont werden muss der Umstand, dass es nicht die deutschen Nationalsozialisten waren, die Erich Wolfgang Korngold auch in personam aus seiner Heimat Österreich vertrieben, sondern bereits die regressive Politik des sogenannten österreichischen Ständestaates. 1934 schon holte Max Reinhardt Korngold nach Hollywood, wo er gewissermaßen bis auf heutigen Tag den Hollywood-Stil in der Filmmusik prägte und prägt.

 

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