Tages(bildungs)politik: Ein Wunsch nach mehr Ehrlichkeit in der Schulpolitik

(c) Mag. Simon Haasis

Als ich noch im Kindesalter war und noch alles dank einer behüteten Kindheit, die mir stets aber Freiheit zur Entwicklung gelassen hat, alles einfacher schien, wurde ich, wie alle anderen Kinder am Beginn der Adventszeit recht unverholen gefragt, was ich mir denn zu Weihnachten wünschen würde. Heute möchte ich einen simplen Weihnachtswunsch aussprechen, der von manchem und vielleicht zu recht als kindisch unerfüllbar angesehen wird, wie beispielsweise der Weltfrieden, der wohl eher in den Bereich der Wunder gehört: ich möchte die bundes- und landespolitischen Entscheidungsträger bitten endlich einmal ehrlich in Sachen Schulpolitik zu sein!

Nein, ich möchte nicht den Föderalismus in der Bundesrepublik Deutschland in Frage stellen – ganz im Gegenteil, aber ich bin für eine Föderalismus-Reform, die endlich den Ländern das Heft in Sachen „Schule“ aus der Hand nimmt. Dies hat nichts damit zu tun, dass die Bundesländer im Bundesrat den sogenannten „Digitalpakt“ abgelehnt haben. Den Digitalpakt halte ich persönlich als eine Mensch, der doch mittlerweile seit über einem Jahrzehnt, zunächst als Student, später dann zunächst als Tutor und dann als Univ.-Lektor – also auf beiden Seiten – im universitären Bereich sozialisiert ist, für ein Hanebüchen argumentiertes Schweigegeld des Bundes in Sachen „Schulpolitik“. Kritiker unserer föderalen Zuständigkeitspolitik und vor allem die Schülerinnen und Schüler, wie nicht zuletzt deren Eltern sollen zum Schweigen gebracht werden. Die Digitalkompetenz der Schülerinnen und Schüler ist nämlich gar nicht so sehr das Problem, wie behauptet wird. Dieser Joker liegt eher bei den Lehrerinnen und Lehrern, die aber dafür leider nicht verantwortlich zu machen sind. Vielmehr fehlt den Schulen etwas, das schlicht ignoriert wird, nämlich eine kluge und ausgewogene Perspektive in Sachen „Bildung“. Es wurde zu viele hier schon an dümmlichen Reformen unternommen. Die einzige sinnvolle Lösung muss es zunächst sein und das führt zu Recht zu Aufschreien: die Bundesländer müssen die Zuständigkeit für Schulpolitik wenn nicht abgeben, so besser abstimmen. Die Bildungsgerechtigkeit ist nämlich nicht damit erfüllt, dass jedes Kind auf’s Gymnasium darf um später gegen Lust und Neigung zu studieren, sondern, dass wenn schon keine Gleichberechtigung in Chancen, Erziehung, Finanzierung und Startbedingungen gegeben ist, so wenigstens die ein Schulsystem, der gleichbleibenden Qualität vorzufinden.

Ich möchte meine Forderung auf Grundlage meiner eigenen Biographie vortragen. Doch zunächst eine klare Ansage an den Ministerpräsidenten jenes Bundeslandes, von dessen Schulpolitik ich mich als Opfer bezeichne. Sehr geehrter Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, bitte unterlassen Sie, auch wenn es dem Wohle des Bundeslandes und der Souveränität der Länder gegenüber dem Bund aus ihrer Perspektive als kommod erscheint, ihre Lügen zur Kompetenz der Länder in Fragen der Schulpolitik weiter zu verbreiten. Tatsächlich ist die einzige Kompetenz, die die deutschen Bundesländer dem Bund in dieser Sache voraus haben eine über Jahrzehnte gewachsene Struktur in der Verwaltung eines selbstgeschaffenen Mangels. Auf diesen Sache kann und darf man nicht stolz sein.

Doch zurück zu mir: ich habe während meiner Schulzeit von 1992 bis 2002 (Grundschule, Hauptschule und Realschule) und nochmals von 2005 bis 2007 (Wirtschaftsoberschule, d.h. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg) unmittelbar, sowie aus privaten Gründen zu Beginn diesen Jahres für wenige Monate mittelbar, mitbekommen, dass zumindest in Baden-Württemberg und zwar egal unter welchem politischen Farbenspiel, die Schulpolitik trotz guter Noten im Bundesvergleich als eine einzige Katastrophe, die vom Kopf, also vom Kultusministerium (korrekt: Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg) her stinkt, zu bezeichnen ist.

Dies lässt sich beispielsweise an einer Digitalinitiative während meiner Realschulzeit ablesen. Für den IT-Unterricht, das muss vorweg geschickt werden, zeichnete ein Lehrer verantwortlich, der nicht etwa die notwendigen Kompetenzen in irgendeinem Studium erworben hatte, sondern privat ein IT-Enthusiast war. Daran ist nichts falsch, denn von ihm habe ich viel gelernt, aber so ist es doch mit der Frage nach IT oder Digitalisierung oder unter welchem Modewort man dies diskutieren möchte bis heute. Zurück zur Digitalinitiative, die unter der für ihre wissenschaftliche Kompetenz heute doch sehr bekannten, vormalig in Erziehungswissenschaft promovierten Ministerin Annette Schavan (das nennt sich Sarkasmus). In unserem Klassenzimmer der achten oder neunten Klasse wurden damals PCs an der hinteren Klassenzimmerwand aufgebaut und mit einem Internetanschluss versehen, um den Unterricht zu digitalisieren. Ist außer diesem Aufbau etwas geschehen? Nein, nicht wirklich, wir nutzten die PCs in zwei bzw. drei Jahren nach meiner Erinnerung nur ein einziges Mal bei einer Referendarin im Erdkunde-Unterricht. So wird es auch mit den Geldern im Digitalpakt geschehen. Wenn die Lehrkräfte hier nicht geschult sind, d.h. wenn die Schülerinnen und Schüler dem Lehrkörper an Digitalkompetenz haushoch überlegen sind. Wer lehrt dann wenn? Zudem zeigt mir meine akademische Lehrtätigkeit immer wieder, dass selbst Studierende zwar digital natives sein mögen, aber der simplen Prozess einer Recherche, ob über Suchmaschinen oder Bibliothekssuchmasken überfordert sie doch.

Was mich aber noch mehr erbost als diese Digitalisierungsgeschichte sind andere Umstände, wie oft sehr schlecht ausgebildete Grundschullehrer_Innen, die zwar zu fordern, aber nicht zu fördern vermögen (da gilt eben immer noch Pädagogik vor Inhalt), das eine Jahr, dass ich nutzlos auf der Hauptschule verbringen musste, ein Mangel an Information zur Zeit der Entscheidung, was nach der Mittleren Reife denn kommt (beziehungsweise der bewussten Fehlinformation durch das damalige Arbeitsamt vertreten durch eine Berufsberatung, die Bedarfsberatung genannt werden sollte) und der Umgang mit jungen Lehrer_Innen im Referendariat in Baden-Württemberg. Ich bin jedenfalls für mich persönlich stolz darauf, dass aus mir, trotz dieser Bildungskatastrophe, was geworden ist, auf dass ich Stolz sein kann!

Meine Bitte daher an Winfried Kretschmann und seine Kolleg_Innen: räumen Sie bitte Ihren Saftladen auf, behaupten Sie weniger Unsinn und beenden Sie Ihr unverantwortliches Handeln auf Kosten der Schülerinnen und Schüler und bitte, stoppen Sie Ihr Bildungsgejammer und lassen Sie die wahren Expert_Innen Ihre Arbeit machen. Um schwäbisch abzuschließen eine Bitte an andere Stelle: „Herr, wirf Hirn ra!“   

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