Eine fremde Reformation als wohltuende Alteritätserfahrung

cover (c) C.H. Beck

Beginnen möchte ich meine Überlegungen zu Volker Leppins bereits 2016 erschienen Buch Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln [1] aus dem Hause C.H. Beck mit dem gescheiterten Blog-Projekt des Historikers Achim Landwehr. Dieser wollte den Versuch unternehmen ein Jahr lang das Reformationsjubiläum zu begleiten und musste nach einem Dreivierteljahr aufgeben, wie man sagen könnte aus geistigem Verhungern heraus. Er fand in seinem vorletzten Post für sich eine Abweichung von der Formel von „Death by chocolate“ [2]:

„Death by reformation jubilee“ – so könnte man das vorzeitige Ende dieses Blogs betiteln. Eingegangen ist das Blog an einer Überdosis Einfallslosigkeit, Wiederholungszwang und Ödnis, garniert mit einer Glasur Langeweile. Wohlmöglich könnte diese Diagnose auf die Bloginhalte selbst zutreffen – mea culpa. Nicht weniger litten die Bloginhalt jedoch an den Gegenständen reformatinosjubilierenden Geschehens, die sich als zu viel vom Immergleichen herausgestellt haben. [3]

Landwehrs Statement spricht wohl jedem Menschen, der sich mit wachem Blick in den Geistes- und/oder Kulturwissenschaften bewegt, aus tiefstem Herzen. Letztlich zahlt das Reformationsjubiläum damit auf Kosten eines „Bro Luthers“, wie in die „Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für das Reformationsjubiläum 2017“ und ihr Stab seit 2012 zu zeichnen versuchten. Aber nicht nur 2017 im Fall des Reformationsjubiläums und unreflektierten Luther-Jubels werden dieselben Fehler begangen, nein, auch Karl Marx blieb und bleibt im Jahr 2018 nicht von einem ewig-einfallslosen „Zum-coolen-Zeitgenossen-Machen“ verschont. Eigentlich eine fast schon gemeine Pointe, die sich unsere Geschichtskultur da eingebrockt hat.

Nun ist aber mit Volker Leppins Buch Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln eines erschienen, das sein Heil in der Gegenbewegung hierzu sucht. Der dritte Absatz der Einleitung macht dies unmissverständlich deutlich: „Doch es hilft nichts: Luther ist uns Heutigen fremd.“ (9) Ein solcher Satz zeigt, dass mit dem Tübinger Inhaber des Lehrstuhls „Kirchengeschichte I“ an der Evangelisch-theologischen Fakultät ein Kirchenhistoriker mit Horizont für Geschichtskultur und Rezeptionsforschung am Werk ist. Ein wohltuender Zug, eine Anerkennung unserer Alteritätserfahrung, in Bezug auf die Zeit der Reformation.

Die Grundthese Leppins ist einigermaßen simpel. Wie es Hans Blumenberg, dafür mitunter Prügel kassierend, schon in den 60er Jahren vorgeschlagen hatte [4], kennen Epochenumbrüche keine Zeitgenossen. Nicht nur daraus zieht Leppin die Konsequenz Luther als Menschen des Spätmittelalters, als einen Theologen zu zeichnen, der auf seine mystischen Wurzeln zurückgreift. Das ist freilich nicht so spektakulär wie der mythische Luther, der im Gewitter vom Juristen zum Theologen und Mönchen wird und auch nicht so mutig, wie der mythische Luther, der an eine vielleicht damals gar nicht existente Eisentür einer Kirche, womöglich noch an einem regnerischen Tag, seine 95 Thesen in tintengeschriebener lateinischer Sprache und ziemlich sicher auf Pergament nagelt. Mancher Studienwechsel der Post-Bologna-Reformzeit ist sicher aufregender und das Anschlagen von Thesen an ein schwarzes Brett der Kirche in Wittenberg, das eigentlich nur von Akademikern der Universität Beachtung findet, taugt eben nicht zum Gründungsakt des Reformationsgeschehens. In diesem Sinne erweist sich die letzte Unterüberschrift des ersten Kapitels als treffendes Motto für die erkenntnisleitende Fragestellung des Buches: „Entdeckungen, Bekehrungen, Inszenierungen“ (30).

Gerade die drei Begriffe machen ersichtlich, warum Luther nicht nur Mystiker, sondern auch ein schlauer Rhetoriker ist. Für die Rhetorik des Reformators ist das dichterische Stilmittel“ (ebd.) des schlagartig vollzogenen Entdeckungserlebnisses von ungeheurer Wichtigkeit. Letztlich folgt daraus Bekehrung, die im Umkehrschluss inszeniert werden muss. Dies ist nicht nur eine Strategie des Kreises um Johann von Staupitz (11–22), dem Luther angehört, sondern auch der von Hans Blumenberg als Beispiele gewählten katholischen Theologen, oder als solche sozialisierte, nämlich Nikolaus von Kues und Giordano Bruno. Zugegeben: die beiden sind noch dreister, wie eine Lektüre der Traktate De venatione sapientiae des ersteren und De gli eroici furori des zweiteren offenbart.[5]

Die fünf folgenden Kapitel zeigen, was eine differenzierte historische Betrachtung heute leisten sollte. Nämlich eine Auseinandersetzung nicht an einer notwendig linearen Erzählung, sondern ein Diskurselementen. So erfahren Leserinnen und Leser was mystisches in den 95 Thesen gefunden werden kann oder wie es Luther und seinen Genossen gelingt Mystik zu Transformieren, ich möchte dies radikaler formulieren: zu domestizieren. Dies ist reizvoll, wiederholt vielleicht manchen Aspekt, aber es erleuchtet in dem Sinne, dass es manche Gedankengänge richtiggehend einbrennt. Dieses Einbrennen ist wichtig, da es vielleicht auch die lügende Mythe, um Gottfried Benn hier zu bemühen, mit verbrennt oder zumindest ihr ein aufklärerisches Licht sehr nahe bringt.

Als schwierig ist das siebente Kapitel zu bezeichnen, aber auch hier gilt, dass der Reiz in der intellektuellen Herausforderung liegt. „Mystische Wege jenseits von Luther“ (187–207) bildet vielleicht doch etwas arg verkürzt, den zeitgenössischen Mystizismus neben Luther ab. Es scheint als wäre ein nächstes Buch hierüber sicherlich nicht ohne Reiz. Wenn dieses dann mit einer solchen Lust zum historischen Erzählen, mit einer solchen Lust an Fakten vor Mythen (aber auch einer Akzeptanz für Mythen) und ebenso stilsicher, ja unterhaltend, geschrieben ist, dann verspricht auch dies ein Genuss wie auch ein Anlass einer ernstzunehmenden Diskussion sowohl für Fachtheologen als auch für Kulturwissenschaftler aller Fächer und ja selbst vom gläubigen Laien bis zum verworfenen Häretiker zu werden. EKD schau auf Deine Gelehrten, das nützt der Reformation mehr als dümmlich Interviews, die die kümmerliche Leistung und damit das Erbe von Funktionsträgerinnen nobilitieren sollen![6]

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[1] Volker Leppin: Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln, München 22017. Belege werden im folgenden in Klammern (…) mit Seitenzahl angegeben.

[2] Achim Landwehr: „Mein Dreivierteljahr mit Luther“, in: Ders., Mein Jahr mit Luther. Unterwegs in der deutschen Geschichtskultur, https://meinjahrmitluther.wordpress.com/2017/08/17/mein-dreivierteljahr-mit-luther/, 10. Dezember 2018.

[3] Ebd.

[4] Verf.: „Vorankündigung: Von einer fremden Reformation“, in: https://simonhaasis.com/blog/, https://simonhaasis.com/2018/04/09/von-einer-fremden-reformation/, 10. Dezember 2018.

[5] Verf.: Mathis – Hindemith – Kepler. Zur (Be-)Deutung des Opernschaffens Paul Hindemiths zwischen 1929 und 1957 vor dem Hintergrund der Phantasie einer „musica mundana“, Diplomarbeit Universität Wien 2011, 111–118.   

[6] „Was bleibt von Lutherjahr, Frau Käßmann“, in: Die Zeit 37 (2017), https://www.zeit.de/2017/37/margot-kaessmann-lutherjahr-reformation-jubilaeum-bilanz, 10. Dezember 2018.