Eine Einführung zu Dantes „Opus magnum“ zwischen den Ansprüchen

Cover (c) C.H. Beck

Die Reihe C.H.Beck Wissen ist nicht nur, das ist zu spüren, für den Verlag ein Herzenskind, sondern auch für viele Menschen – Laien, wie Profis – im Bildungs- und Kulturbereich, die sich kompetent, fundiert, aber eben auch recht rasch in Themen einarbeiten wollen und müssen, ein besonderes Geschenk. Den Autorinnen und Autoren dieser Überblicke ist dies wohl bewusst und das Lektorat tut ein Übrigens dazu. Ich selbst war nur in einem Fall enttäuscht, da jener Band zu einem sehr speziellen Thema für meinen Geschmack zu viel von Leserinnen und Lesern an Vorwissen verlangte.

Beim gelesenen Band handelt es sich um Franziska Meiers im Untertitel als Einführung bezeichneter Überblick Dantes Göttliche Komödie.[1] Man muss bei der Lektüre leider schon beim Inhaltsverzeichnis stocken. Als literaturwissenschaftlich gebildete Rezipient_In kennt man die Systematik aus gefühlten tausend Lektüren. Sie ist sinnvoll, bewährt, aber eben der Besonderheit des Gegenstandes wohl seit Jahrzehnten nicht mehr angemessen. Sie kommt altbacken daher.

Warum? Nach einer essayistisch schwungvollen Capitatio folgt in einem ersten Kapitel die Frage nach dem „wer“ Dantes, nach seinen Absichten und Formentscheidungen im Fall der Göttlichen Komödie. Dann stellt Meier in zwei Kapiteln die Themenkomplexe „Das Jenseits und seine Bewohner“ und „Der Wanderer und der Dichter auf ihren Wegen durchs Jenseits“ vor. Am Schluss des Bandes folgt dann ein Kapitel „Zur Rezeption der Komödie“. So weit so gut, ja, aber wäre die Einführung nicht schlicht dynamischer, wenn weniger Tendenz zur Biographie gezeigt würde, als viel mehr Mut zur Rezeptionsgeschichte. So wäre es vielleicht klüger mit dem Rezeptionsphänomen Commedia zu beginnen. Gerade die Erwähnung der Einreihung in „Great Books“ (123) sollte in einer für ein deutschsprachiges Lesepublikum gedachten Einführung auch thematisieren, welche Rolle die Commedia in der allgemeinbildenden Schulbildung, vor allem im Kanon des Gymnasiums, in Italien hat. Dadurch würde beispielsweise rasch deutlich, dass die deutsche Verehrung des Faust von Johann Wolfgang Goethe noch nicht die radikal liebevollste ist.[2]

Sehr kunstvoll gelingt es Meier die vielleicht trockene Wissenschaft in ihre beiden Hauptkapitel einzuweben. So ist die Thematik der Vorläufer und Quellen Dantes geschickt mit dem Ablauf der Jenseitsreise und der ethischen Ordnung in den Jenseitsreichen verbunden. Dies macht zweifellos Lust zur weiteren Auseinandersetzung, aber der Hinweis auf weiterführende Literatur lädt dazu nicht ein. Neben drei doch schon recht alten Studien deutscher Sprache von Curtius, Friedrich und Auerbach kann ein_e wissenschaftlich nicht ausreichend gebilde_r Rezipient_In leider nicht viel mit der Bibliografie dantesca anfangen (zumal diese nicht nur in italienischer Sprache zur Verfügung steht, sondern in italienischer Wissenschaftssprache). Der Hinweis auf niederschwellig zugreifbare kurze Aufsätze zu Spezialthemen hätte den Band wirklich besser ergänzt.

Gerade aber dank mancher Leerstelle ist Franziska Meiers Dantes Göttliche Komödie einer Lektüre wert. Sie macht Lust auf mehr: auf das literarische Werk selbst, es vielleicht nochmal zu lesen oder sich in die Welt der Dante-Forschung zu stürzen.

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[1] Franziska Meier: Dantes Göttliche Komödie. Eine Einführung, München 2018. Im weiteren wird auf Seiten im besprochenen Buch mit der Angabe der Seitenzahl in Klammern (…) verwiesen.

[2] Für Hinweise zu dieser Dante-Rezeption in Italien bin ich Michele Calella und Matteo Colletini, die diesen in nicht wenigen Gesprächen angedeutet haben, dankbar.

 

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