Über Hubert Wolf: Zölibat. 16 Thesen (Teil I)

Wolf_zölibat_cover_(c) chbeck

Während des zähen Ringens um einen „synodalen Weg“ für die deutschen Katholiken erschien 2019 ein neues Buch des Kirchenhistorikers Hubert Wolf, das einen neuralgischen Punkt der Debatte berührt: den Zölibat der römisch-katholischen Priester. Diesen untersucht er in Form von 16 Kapiteln, mit Titeln wie „Jesus war kein Stoiker“, „Neues zur Sexualität“ oder „Kein Dogma“. Unschwer zu erkennen, dass der Buchtitel Zölibat. 16 Thesen wohl an Luthers systemsprengende 95 Thesen über den Ablasshandel erinnern soll. So viele Thesen würde heute wie damals in der breiten Öffentlichkeit niemand lesen, also beschränkt sich das Buch auf die 16 Thesen, verhandelt auf 151 Seiten (ohne Apparat). Wer ihn über schlanke oder auch üppigere Werke (sein neuestes, mit dem Titel Der Unfehlbare: Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert, erschienen im August 2020, umfasst 432 Seiten) noch nicht kennt: Er schreibt nicht nur gern populärwissenschaftlich, sondern scheut auch die Aufmerksamkeit eines TV-Publikums nicht, indem er beispielsweise ZDF-Dokus über Kirche und Glauben mit prägnanten Cutaway-Kommentaren die wissenschaftliche Weihe erteilt.

Die Gestaltung eines Buchcovers beruht in der Regel weniger auf Vorstellungen des Autors, als der Produktauffassung des Verlages. C.H. Beck allerdings hat es bei Zölibat, trotz optischer Verwechslungsgefahr mit Bastei-Lübbe-Thrillern, geschafft, einen Eckstein von Wolfs Kritik gelungen ins Scheinwerferlicht zu stellen: Unterwerfung.

Der Ausschnitt einer Fotografie, der aufs Cover montiert wurde, zeigt fünf Männer mit Albe und Stola, in einer Reihe ausgestreckt auf einem Boden aus Stein, mit dem Gesicht nach unten. Vor ihnen ist die Ecke einer steinernen Stufe zu sehen. Ein Auge, das in römisch-katholischer Liturgie geübt ist, kann die Situation benennen: es handelt sich um eine Szene aus einer Priesterweihe. Bevor ein Priester erhöht wird, in apostolischer Sukzession in persona Christi zu handeln, muss er im bloßen ‚Hemd‘ (der Albe) erscheinen, sich also erniedrigen. Er legt dem Bischof, der vor ihm thront, ein Treueversprechen ab. Danach wirft er sich vor diesem nieder, während die Schola die Allerheiligen-Litanei singt. Im Anschluss wird er vom Bischof zu sich gerufen. Er kniet, während der Bischof ihm die Hände auflegt. Dem folgt die Einkleidung mit dem priesterlichen Ornat und die Salbung der Hände. Damit ist die Weihe vollzogen. All dies geschieht vor den Augen der Gemeinde. Man sieht, dass dieser Ritus mehrmals Erniedrigung und Unterwerfung umfasst.

Ein Ritual soll Recht begründen, besiegelt durch und mit dessen Form. Das Bild der liturgischen Handlung ist über die rechtmäßige, gültig Formsache, über den sakramentalen Raum hinaus, drastisches Sinnbild für das kommende Leben in Gehorsam und der Abhängigkeit des Priesters von seinen Hirten. Diese Unfreiheit würde durch den Zölibat erst ihre Schärfe erhalten, kritisiert Wolf. Hätte der Priester eine Familie, würde jene sein Leben mitbestimmen. Der Priester würde sich nicht einfach herumschubsen lassen, wenn ihm Frau und Familie den Rücken stärkten. Die Ehe ist darüber hinaus ein heiliges Sakrament, das mit der Weihe auf einer Höhe steht. Diese geheiligte Partnerschaft dürfte durch Anordnungen von Vorgesetzten nicht beeinträchtigt werden. Und: das elementare Recht der Kirchengemeinden auf Empfang der Heiligen Kommunion dürfe in durch extremen Priestermangel nicht verletzt werden, um eine nachgeordnete Bestimmung, wie den Zölibat, zu bewahren.

Wolf weist darauf hin, dass Priestertum auch ohne Zölibat funktionieren könne -und das schon sehr lange. Schon vor dem großen Schisma von 1054 sei die wachsende Betonung eines jungfräulichen Priestertums einer der Aspekte gewesen, die den lateinisch geprägten Westen und den griechisch geprägten Osten der christlichen Kirche voneinander entfremdet habe. In der Orthodoxie existiert bis heute eine Keuschheitspflicht nur für Mönche und Bischöfe – die wiederum meist aus den Reihen der Ordensleute rekrutiert werden.

Die Leibfeindlichkeit, die dem Zölibat zu eigen ist, entstamme einer Ethik, die im Kreis der griechisch geprägten Welt entstanden sei -in der vorchristlichen Philosophie (eine doppelt Ironie). „Jesus war kein Stoiker“ betont der Autor. Wolf zitiert den englischen Patristiker Henry Chadwick, der im Reallexikon für Antike und Christentum den zugehörigen Schlüsselbegriff ἐγκράτεια („Enkrateia“= antik -philosophischer Begriff für Selbstkontrolle) wie folgt zusammenfasste:

„1. Wer die Liebe eines Gottes genießt, muss auf die Liebe von Sterblichen verzichten.

2. Geschlechtsverkehr befleckt und Befleckung bedeutet die Gegenwart böser Geister“ (zitiert nach (47))

An dieser Stelle wäre – zumal für Laien – ein Hinweis auf den Text der Komplet, dem alten Nachtgebet der Kirche, sehr interessant gewesen. In der in der letzten vorkonziliaren Ausgabe des römisch-katholischen Messbuchs von 1962 liest man:

„Procul recedant somnia et noctium phantasmata; hostemquenostrum comprime, ne pullatntur corpora“

„Fern mögen weichen die Traumgebilde und trügerischen Vorstellungen der Nächte, und halte in Schranken unseren Feind, damit die Leiber nicht befleckt werden.“

Eine deutsche Form dieses Gebets findet sich übrigens auch in einem älteren Stundengebetsbuch der protestantischen Michaelsbruderschaft (gegr. 1931). Als das, grundlegend reformierte neue Römische Messbuch 1970 (nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil) erschien, war diese Formel bezeichnenderweise verschwunden.

Die, immerhin bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts durch einen weltweit verbreiteten Alltagstext tradierte, Vorstellung, dass nächtlicher Samenerguss etwas Sündiges, gar vom Teufel verursachtes Übel sei, entlockt dem heutigen, mit elementarem biologischen Wissen ausgestatteten, erwachsenen Durchschnittsmenschen nur ein spöttisches Lächeln oder ein „Sie-wussten-es-ja-nicht-besser“. Allerdings wurde das Messbuch von 1962 im Jahr 2007 durch eine Verfügung Papst Benedikts XVI. für den öffentlichen Gebrauch wieder freigegeben, und die vorkonziliare Tridentinische Messe zur „außerordentlichen Form des Römischen Ritus“ erklärt. Dieser Akt, dem, abgesehen von einer persönlichen Liebe zur „Messe aller Zeiten“, höchstwahrscheinlich das Zugehen auf erzkonservative Kreise wie der Piusbruderschaft zugrundelag, warf augenblicklich erhebliche und kirchenpolitische und theologische Probleme auf. Noch 1962, keine 20 Jahre nach dem Holocaust, bat man am in der großen Fürbittenliturgie des Karfreitags den Herrn darum, dass er den Juden „ihren Schleier von ihren Herzen“ nehmen und dieses „verblendete Volk“ seiner „Finsternis“ entreissen möge. Erst nach einem Aufschrei von jüdischen Verbänden und einer Vielzahl von katholischen Klerikern und Theologen formulierte der Papst 2008 das Gebet neu:

„Allmächtiger ewiger Gott, Du willst, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Gewähre gnädig, dass beim Eintritt der Fülle aller Völker in Deine Kirche ganz Israel gerettet wird. Durch Christus, unseren Herrn. Amen“

„Wenn ihr bei kleinen Dingen unzuverlässig seid, werdet ihr es auch bei großen sein“ (Luk. 16, 10) -und wer im Großen schlampert, „übersieht“ einen fragwürdigen Vers des Stundengebets, der sich um das Unheil, das von regulären Körperfunktionen ausgeht, sorgt, sowieso. War man schon beim Thema beleidigender Sprache gegenüber den Juden selbst mit größtmöglicher Verblendung und Finsternis geschlagen, so bei der Einschätzung von Sexualität erst recht. Ein Themenkreis, über das viele Kleriker gerne unentwegt reden, ohne -offiziell- die geringste direkte Erfahrung haben zu dürfen. Die Menge ihrer hilflos-verfehlten Äußerungen ist Legion und muss hier nicht extra vertieft werden. Jeder reflektierte Leser wird seinen „Liebling“ haben, wie Bischof Krenns „Bubendummheiten“ (2002 über sexuelle Handlungen und Verhältnisse im Priesterseminar von St. Pölten, welche der Katechismus der Katholischen Kirche als „objektiv ungeordnet“ bezeichnet).

Hubert Wolf hingegen, selbst Priester, ist durchaus selbst zu wenig verschämten steilen Thesen bereit. Im Markusevangelium versuchen die Pharisäer Jesus, indem sie ihn fragen, ob es einem Mann erlaubt sei, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, wie es „Mose Gebot“ vorsieht. Seine Antwort: „ Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Anfang der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mk. 10, 5-9)

Wolf: „Nur Mann und Frau sind Abbild Gottes nicht einer von beiden allein, weshalb auch Gott nicht nur männlich oder nur weiblich ist […] Die fleischliche Vereinigung als Teil von Gottes Schöpfung kann nichts Unreines an sich haben, denn sonst hätte sie kaum zum Ausgangspunkt einer Aussage über die Gottesebenbildlichkeit werden können.“

Was soll man davon halten?

Fortsetzung folgt …