Vorankündigung: Von einer fremden Reformation

cover (c) C.H. Beck

Ein Blick auf das Reformationsjubiläum im letzten Jahr und sein Vorfeld muss tatsächlich enttäuschen. Viel ist geschrieben worden über die Zeit der Reformation, über deren Ziele und Inhalte, wie aber auch über ihren scheinbaren Hauptakteur Martin Luther. Man muss einmal ganz abgesehen von theologischen Lesarten und reinen Fachdebatten, dass soll heißen von den religiösen Implikationen des Protestantismus, mit Bedauern feststellen, dass dieses Jubiläum ungenutzt geblieben ist. Gerade die Punkte an Luthers eigenem, sehr dem historischen Kontext verhaftetem Denken, die uns abschrecken, wurden sehr gerne unter den Tisch gekehrt.

Doch man wird einer historischen Persönlichkeit nicht gerecht, wenn man nur nach ihren guten Taten fragt, sich aber für die Ganzheitlichkeit ihres Denkens überhaupt nicht interessiert. Die Zeit der großen Heldengedichte sollte eigentlich vorbei sein und auch dem Normalverbraucher ist mitnichten damit geholfen glattgebügelte Anekdoten immer und immer wieder vorgesetzt zu bekommen. Sie sind schön anzuhören, schön weiterzuerzählen, aber wie Volker Leppin schon andernorts deutlich gemacht hat, hat Vieles was wir uns über Luther erzählen entweder gar nicht oder nicht so stattgefunden: kein Thesenanschlag zu Wittenberg, kein dramatisches Turmerlebnis und auch kein harter Bruch mit dem Mittelalter durch die Reformation.

Der Philosoph Hans Blumenberg hat in Die Legitimität der Neuzeit [1] den letzteren Faktor bereits in den 60er Jahren in Bezug auch auf Nikolaus von Kues und Giordano Bruno thematisiert und hat damit regelrechte Empörung ausgelöst [2]. Blumenbergs These, die im geflügelten Wort von der nicht vorhandenen Zeitzeugenschaft in Bezug auf den Epochenwandel kulminiert, bringt das Wort von der fremden Reformation auf den Punkt. Martin Luther ist kein Mensch unserer Zeit und braucht es gar nicht zu sein. Er ist, wie dies die EKD versucht hat, kein cooler Zeitgenosse zu sein, den man mit Sinn entstellenden Angliszismen verklärt.

Volker Leppin, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen, fordert dazu auf Luther im spätmittelalterlichen Kontext zu sehen. Er lädt zu einer Alteritätserfahrung ein, derer ich gerne nachkomme. Demnächst lesen Sie hier das Ergebnis meiner Entdeckungsreise.

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[1] Hans Blumenberg: Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt am Main 1966.

[2] Manche Aspekte dieser überzogenen Reaktionen muten heute beileibe und bei allem notwendigen Respekt gegenüber den jeweiligen zu verteidigenden Positionen doch grotesk an. Noch vor dem Hype um die von Jacques Derrida begründete und leider oft nur halbherzig von seinen Anhängern fortgeführte Dekonstruktion und ohne spezielle Akzentsetzung von Seiten der heute gängigen Konzepte der Narratolgie, hat Hans Blumenberg lediglich Argumentationsstrukturen hinterfragt, mit denen sich das neuzeitliche Denken selbst legitimiert. Hier sei nun weniger darauf angespielt, dass Blumenberg die Säkularisierung als „Kategorie des geschichtlichen Unrechts“ zu überführen versucht, sondern den „Aspekt der Epochenschwelle“ und die Zeugenschaft der Menschen hieran. Elaboriert hierzu, doch auch widersprüchlich, der ebenfalls vielgescholtene Odo Marquard, ders.: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie, Frankfurt am Main 1973, 14–19.   

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