Gedanken zum Karfreitag

Was ich hier heute schreibe, tue ich nicht aus theologischer oder religiöser Perspektive, dafür bin ich als „Nicht-Glaubender“, wie Menschen wie ich heute wieder nicht zuletzt von Reinhard Marx, einem Menschen, den ich für seinen scharften Verstand hochschätze, bezeichnet werden mussten, nicht kompetent.

Zunächst einmal dazu, warum mich der Begriff „Nicht-Glaubender“ so entsetzt. Er ist schlicht sachlich falsch. Nur weil sich Menschen dafür entscheiden keiner Religion(sgemeinschaft) angehören zu wollen, ist es nicht richtig ihnen mit sprachlichen Mitteln das „Glauben“ abzusprechen. Sie sind „Nicht-Religiös“, aber glauben tun sie dennoch. Sie glauben auch an Werte, denn Religionen haben die Werte für die wir heute stolz einstehen müssen nicht alleine für sich zu reklamieren! Genauso wäre es falsch Religionen per se als Unheilsbringer für die Menschen anzusehen. Dafür sind sie stets missbraucht worden. Das ist auch der Kern dessen was Friedrich Nietzsche mit dem berühmten Ausspruch des Todes Gottes meinte. Er, der selbst in einem protestantischen Pfarrershaushalt großgeworden ist, klagt damit an. Solche Worte wollen den Menschen nicht Gott rauben, sondern daran erinnern, was es bedeutet, wenn man Wahrheiten für sich durch Religion reklamiert. Religion heißt Glauben und Glauben, dass ist klar bedeutet nie wissen. Wer glaubt, und dies aus Überzeugung tut, will auch gar nicht wissen. Das hat Theologien immer schon zu besonderen Wissenschaften gemacht, die anders funktionieren als die anderen Wissenschaften. Das macht ja auch etwas wie den Kreationismus so problematisch. Er nimmt metaphorisch gemeinte Texte ernst, nimmt sie als Erzählung von etwas real Geschehenem. Glaubenswahrheiten, das ist eine philosophische Binsenweisheit, sind immer wahr, weil man sie glaubt.

Das bringt mich zurück zum Karfreitag. Ich betone es stets: es ist nicht wichtig, ob es Moses, König David oder Jesus wirklich gegeben hat. Viel wichtiger ist doch, das ist meine Überzeugung, dass die Menschen an ihre Taten, ihre Weisheiten und ihre Lehren glauben. Ja, für diese so viel tun und im Namen dieser auch den Menschen helfen. Das kann und darf auch einen aufrechten Humanisten, Atheisten und Nihilisten freuen und ihm oder ihr Respekt abringen. Den auch diese drei Gruppen von Menschen, die in der ein oder anderen Form sich religiösen Regeln nicht unterwerfen, sind aufrichtigen Menschen mit einem Werte-Kanon, den es zu respektieren gilt, und gerade dann wenn man die für die christlichen Religionen verbindlichen Evangelisten studiert, wird doch deutlich, dass Jesus für alle Menschen Erlösung bringen möchte. Wo ist dann das Problem? Wir sind alle Menschen und können von der Ostergeschichte etwas sehr Wichtiges lernen, nämlich die Tatsache, dass wir – unter welchen Bedingungen auch immer – das Hoffen nicht aus den Augen verlieren dürfen. Die Ostergeschehnisse, wie Christen rund um die Welt sie an diesem Wochenende begehen, sollten auch Angehörige aller anderer Religionen und Nicht-Religiöse nutzen, um eben das zu tun, wozu ein stiller Feiertag wie dieser einlädt. Reflektieren, sich dem Denken in Stille und Ruhe hinzugeben und das Hoffen wieder zu kultivieren. Es muss nicht das Hoffen auf Auferstehung oder das ewige Leben sein – das können auch Christen nicht bis in Letzte durchdringen; und letztlich ist das auch gar nicht wichtig -, sondern Visionen und Hoffnungen sind es, die unserer Gesellschaft, ja, unserer Welt heute so sehr fehlen. Paradox eigentlich, dass gerade Ernst Bloch, durchaus ein marxistischer Philosoph, in seinem Opus magnum Prinzip Hoffnung diese Wesentlichkeit herausarbeitet. Nicht?

Ich wünsche uns allen, woran wir auch immer glauben mögen, einen besinnlichen Karfreitag!

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