Der neue Chef: Mission im und für das Entlegene(n)

Der Herausgeber des etwas über 100 Seiten an Umfang zählenden, gebundenen Büchleins aus dem Hause Suhrkamp bringt es lakonisch in Bezug auf den Inhalt der drei in diesem versammelten Texte des Soziologen Niklas Luhmann bezogen auf den Punkt, indem er im Nachwort betont: „Die Ethnographie der Chefetagen, wenn es denn Etagen sind, ist kaum entwickelt. Wir haben keine Soziologie der Vorstandssitzung, keine des Krisentelefonats und keine des Vorzimmers.“[1]

Zum Glück will einem im ersten Moment da als Kommentar herausrutschen, aber bei Lichte betrachtet wäre es doch höchst spannend eine solche zu haben. Es wäre ein unschätzbares Hilfsmittel für beide Seiten, da man sich auf manches einstellen könnte, was einem so im Alltag passieren kann. Doch, das ist wichtig zu betonen, Soziolog_Innen sind in der Regel keine Verfasser_Innen von Ratgeberliteratur, sondern Vertreter_Innen einer ernstzunehmenden Wissenschaft – freilich: schwarze Schafe gibt es überall.

Bei allem Respekt gegenüber Niklas Luhmann, der wohl, in der Ankündigung dieser Besprechung habe ich dies ausgeführt, zu den Perlen der deutschsprachigen Wissenschaftlichkeit der letzten 100 Jahre gehört; er ist ja längst nicht überall so angesehen, wie er es verdient hat. Er veröffentlichte Vieles und stets sehr gut Gearbeitetes, aber seinen Kolleg_Innen war das nicht selten zu viel des Guten. Dabei gelang ihm eines im Besonderen: er wurde über die Grenzen seines Faches zur Größe, heute würde man das einen inter-, wenn nicht sogar transdiziplinären Ansatz nennen, den er vertrat. Das hatte auch zur Folge, dass er teils an unmöglichen Plätzen veröffentlichte, wie die zwei, der im besprochenen Buch enthaltenen Texte, die zu Lebzeiten Luhmanns das Licht der Welt erblickten, zeigen.[2]

Die beiden Texte „Der neue Chef“ (1962) einst im Verwaltungsarchiv erschienen und „Spontane Ordnungsbildung“ (1965) in einem einführenden Sammelband zu Fragen der Verwaltung, den Fritz Morstein Marx herausgegeben hat, offenbaren, vielleicht auch als Vorskizze und Nachtrag zu Funktionen und Folgen formaler Organisation zu lesen (114), das bisher Ausgeführte. Sie dürfen als bekannt gelten, da sie ja schon in der Öffentlichkeit waren und daher soll der verbleibende Raum dieser Besprechung dem bisher unveröffentlichten Beitrag des besprochenen Buches zufallen, nebst einer Bemerkung von musikwissenschaftlicher Seite.

Bei dem Text „Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ handelt es sich um ein unveröffentliches (Vortrags-)Typoskript aus dem Nachlaß, welches für den damit erfolgten Erstdruck im vorliegenden Buch von Jürgen Kaube bearbeitet worden ist. Leider verrät er nirgendwo wofür und woher. Es wäre nett für den Leser das zu wissen. Dieser Text ist herrlich zu lesen, ob als Privatmensch oder Wissenschaftler. Schon allein die spielerische Pointe, die dem Begriff „Unterwachung“ innewohnt ist köstlich (90), vor allem wenn man bedenkt, dass Luhmann auch einmal Ministerialbeamter war. Zuviel sei vorerst nicht verraten, man soll auch bei „wissenschaftlichen“ Texten manchmal lesen, staunen und schmunzeln dürfen.

Abschließend noch eine fachbezogene Bemerkung zur Musikwissenschaft. Wie viele der Kulturwissenschaften, die sich mit den „Künsten“ beschäftigen, tut sie sich nicht ganz so leicht mit Niklas Luhmann. Das hat aber beileibe nichts mit Unfähigkeit zu tun, sondern mit Fachgeschichte. Die Musikwissenschaft hat schon lange, sehr lange mit Begrifflichkeiten zu kämpfen, die ihr von ihren Urmüttern und -väter eingeimpft wurden – auch aus Legitimationsgründen. So ist es bis heute für viele Kolleg_Innen schwer zu hören, wenn jemand die Schöpfer_Innen von Musik scheinbar ignoriert.[3] Hoffnung macht hier nicht zuletzt ein Aufsatz von Wolfgang Fuhrmann, einem Kenner der Musiksoziologie, der nunmehr in Mainz stationiert ist, und der hier einige Positionen Luhmanns für die Musikwissenschaft nutzbarer gemacht hat.[4]

Sollten Sie die Gelegenheit haben, so lesen Sie das Buch von und mit Niklas Luhmann. Es ist anregend und macht wirklich sogar Spaß – und das ist bei Fachtexten selten.

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[1] Niklas Luhmann: Der neue Chef. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Kaube, Berlin 2016, 112 [weitere Fundstellen aus dem hier besprochen Buch, werden im Folgenden durch Seitenzahlen in runden Klammer im Fließtext wiedergegeben].

[2] Niklas Luhmann: Die Moral der Gesellschaft. Herausgegeben von Detlef Horster, Frankfurt am Main 2008, 375.

[3] Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft,  Frankfurt am Main 1997 und ders.: „Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst“, in: Ders., Schriften zu Kunst und Literatur. Herausgegeben von Niels Werber, Frankfurt am Main 2008, 139–188.

[4] Wolfgang Fuhrmann: „Toward a Theory of Socio-Musical Systems: Reflections on Niklas Luhmann’s Challenge to Music Sociology“, in: Acta musicologica 83 (2011), 135–159.

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